Abschied

Am 11. April 2004 ging Andrea im Alter von 30 Jahren völlig unerwartet für immer von uns. Sie ist friedlich eingeschlafen.
Heute nehmen wir von ihr Abschied.

1973 wurde Andrea gemeinsam mit ihrer eineiigen Zwillingsschwester Britta in Pasewalk geboren. Es waren zwei wunderschöne, gesunde Babys, die sich anfangs ganz normal entwickelten und ihren Eltern viel Freude bereiteten.
Annett, ihre vier Jahre ältere Schwester, war sehr glücklich über ihre Geschwister.

Nach etwa 18 Monaten zeigte sich, dass sich die Entwicklung bei den Zwillingen veränderte.

Sie wurden sehr unruhig, schrieen viel, verloren den Blickkontakt und waren nicht mehr wie andere Kinder in ihrem Alter. Beide mussten ständig gepflegt werden und das bis zum Alter von 4 ½ Jahren.
Die Zwillinge kamen nach Perleberg ins Krankenhaus in der Reetzerstraße zur ständigen Pflege. Schon bald verlernten sie auch die Fähigkeit zu Laufen. Sie mussten ständig gewindelt, gewaschen und gefüttert werden und blieben in der Pflege immer Babys.
In der ehemaligen DDR gab es keine Möglichkeiten für solche Pflegefälle zur intensiven Förderung und die Kinder vegetierten festgebunden in ihren Betten, damit sie nicht herausfallen. Sie verloren beide an Kraft und es war besonders für dich, liebe Gitti, als Mutter und ihrer Tochter Annett sehr schmerzlich sie zu besuchen. Die Verwandten, die die Zwillinge zu Hause als Babys kannten, hatten nicht die Kraft, sie unter diesen Umständen zu sehen.

Andreas und Brittas neuer Vati Eddy stand dir, liebe Gitti, und dir, liebe Annett, zur Seite. Er war bei jedem Besuch dabei.

Als die Zwillinge 11 Jahre alt waren, verstarb Britta an einer Lungenentzündung. Niemand wusste, welche Behinderung die Zwillinge hatten. Auch Andrea wurde schwer krank, aber sie überlebte.
Drei Monate später wurde euer Sohn Robert geboren. Robert wurde zu jedem Besuch bei Andrea mitgenommen. Er lernte seine Schwester Andrea so zu lieben wie sie ist.


Als 1989 die Wende kam, verbesserten sich die Bedingungen für die schwerbehinderten Kinder. Sie kamen anfangs in das Staatssicherheitsgebäude und dann wurde die Lebenshilfe durch Herrn Tiesler ins Leben gerufen. Die Kinder wurden in Wittenberge in einer ehemaligen Kinderkombination am Horning unter-gebracht. Andrea erhielt ein Zweibettzimmer. Außerdem erhielt sie ein behindertengerechtes Bett und einen Rollstuhl, und die Familie bekam die Möglichkeit Andrea ein gemütliches Zimmer einzurichten.

Es wurden Therapien durchgeführt und dadurch verbesserte sich das Wohlbefinden von Andrea. Sie kam nach so vielen Jahren endlich wieder fast täglich nach draußen an die frische Luft. Um ihre sonnengebräunte Hautfarbe beneideten sie alle.
Das Pflegepersonal ging sehr individuell auf alle Kinder ein. Andreas Eltern besuchten sie jetzt viel intensiver. Die Verwandten hatten den Mut bekommen, sie zu besuchen. Andreas Oma Irmi, hat über viele Jahre die Hauptbetreuung übernommen. Ihr wollen wir heute besonders dafür danken.

Neben ihren Eltern durfte Andrea sich außerdem über folgende Besuche freuen:

Oma Irmi, Opa Heinz
Und später Omas neuer Lebensgefährte Harro
Schwester Annett mit Ehemann Wim aus Holland
Wims Mutti Jenneke aus Holland
Bruder Robert
Bruder Tony
Gastschwester Alix aus den USA mit ihrer Familie
Opa Hermann mit Lebensgefährtin Erna
Vater Dieter und Frau Rosi
Oma Erna
Tante Bärbel, Onkel Hans
Tante Jutta, Onkel Günther
Tante Uschi, Onkel Reiner
Tante Christel, Onkel Wolfgang
Tante Doris, Onkel Hans
Nachbarn und Familie von Gitti: Gabi, Andre und Sohn Philipp
Arbeitskollegen aus dem Kochlöffel: Frau Hannelore Stoffers

Alle konnten sich von Andreas Wohlbefinden überzeugen. Trotzdem fiel es schwer über ihre Behinderung zu reden, weil niemand wusste, welche Behinderung sie hatte. Es blieb über viele Jahre ein Rätsel.

Als Wim Andrea das erste Mal besuchte, überraschte Andrea uns mit einen Blickkontakt. Sie schaute Wim tief in die Augen und zog ihn zu sich heran. Annett konnte diesen Augenblick auf einem Foto festhalten.
Seitdem schaute Andrea uns regelmäßig in die Augen, was uns allen sehr viel bedeutete.

Andreas Geschwister überraschten ihre Mutti, indem sie Andrea nach Neumünster brachten. Andrea wurde von Annett und Tony in Wittenberge abgeholt. Es war das erste Mal, dass Andrea von ihrem Zuhause in Wittenberge wegfuhr. Der Abschied fiel besonders Carola und Frau Siesing schwer. Carola hatte Tränen in den Augen.

Andrea fühlte sich auch in Neumünster zu Hause. Seitdem wurde sie noch intensiver geliebt. Andrea dankte es immer mit einem Lächeln. Sie war ein sehr freundliches Mädchen. Andrea wurde wieder zum Sonnenschein der Familie.

Im Jahre 2000 entdeckte in Holland Annetts Schwiegermutter Jenneke in einer Zeitschrift einen Artikel über das RETT-Syndrom. Alle Symptome deuteten auf Andreas Behinderung. Ihre Mutti ließ eine genetische Blutunterschuchung in der humangenetischen Universität Göttingen durchführen.
Am 15. Februar 2001 wurde das RETT-Syndrom bei Andrea diagnostiziert. Endlich hatte ihre Behinderung einen Namen.
Andreas Schwester Annett hat sich im Internet intensiv mit Eltern von RETT-Syndrom-Kindern in Verbindung gesetzt. Annett hat den Tod von Britta nie überwunden und sie wollte alles für das Glück ihrer Schwester Andrea tun. Annett hat ein sehr inniges Verhältnis zu ihrer Schwester. So konnten alle viel über Andreas Behinderung erfahren.

Frau Siesing, die Leiterin der Wohnstätte, Carola als Betreuerin für Andrea, die Physiotherapeutin Simone und ihre Mutti Gitti setzten sich intensiv mit diesem Syndrom auseinander. Sie haben an Seminaren und Elterntreffen teilgenommen und Literatur studiert. Jetzt wurde plötzlich alles einfacher.
Andrea wurde genau verstanden.

Andrea wurde zu einer richtigen Persönlichkeit.

Zu ihrem Glück wurde eine neue Wohnstätte in der Lenzenerstraße gebaut. Sie zog um und bekam ein eigenes Zimmer, das ihre Eltern ihr neu einrichteten.
Robert, ihr Bruder, war immer ein intensiver Begleiter und er wollte, dass Andrea immer nur das Beste bekommt. Er half seiner Mutti beim Aussuchen neuer Möbel und Kleidung. Andrea sollte immer hübsch sein und es gemütlich haben. So bekam sie eine eigene Lichtsprudelsäule, eine Stereoanlage, ein Fernseher, schöne Poster und Bilder für die Wände.
Eddy und Robert hielten ihr ganzes Leben auf schönen Fotos fest.

Andrea durfte einige Male mit einer eins zu eins Betreuung nach Arendsee in den Urlaub fahren. Die Betreuung übernahm Carola, die sich liebevoll um Andrea kümmerte.

Andrea wurde auch oft nach Neumünster zu ihren Eltern geholt. Das genoss sie sehr. Das Autofahren bereitete ihr immer viel Freude.

Am 17. August 2002 wurde die Wohnstätte evakuiert, da die Elbe drohte zu überfluten. Ihre Eltern haben ohne zu überlegen Andrea sofort nach Hause geholt. Sie wurde dort provisorisch auf einer Matratze umgeben von Kissen, Couch und Sessel zum Schlafen untergebracht. Sie fühlte sich pudelwohl.

Sie erhielt von allen Familienangehörigen sehr viel Liebe und sie dankte es immer mit ihrer Art zu Lächeln. Andrea bekam während dieser Zeit einen neuen Rollstuhl, indem sie viel mehr Freiheiten hatte.
Nach der Evakuierung veränderte die Familie ihr Zimmer mit einer Kuschelecke, wo sie sich frei bewegen konnte und auch nachtsüber schlafen konnte. Sie fühlte sich immer wohler.

Andrea war rundum zufrieden. Wir möchten Frau Siesing an dieser Stelle von ganzem Herzen danken für ihre großartige Unterstützung. Sie nahm sich auch viel Zeit für intensive Gespräche mit Mutti Gitti und Oma Irmi.

Frau Dr. Kruse nahm sich die Zeit mit der Familie ein Gespräch zu führen. Sie war der Meinung, dass man Andrea nicht als Behindert ansehen sollte, sondern in erster Linie als Mensch. Wir erhielten von ihr ohne Probleme Rezepte für verbesserte Hilfsmittel. Auch ihr sind wir sehr dankbar.

Simone, die Physiotherapeutin beriet mit Andreas Mutti über ein neues Bett, bei dem sie nicht angebunden werden muss. Um dieses Bett kämpften sie über ein Jahre bei der Krankenkasse.

Simone hatte ein sehr vertrautes Verhältnis zu Andreas Mutti. Sie war sehr angagiert, um Andreas Leben in eine bessere Lebensqualität zu versetzen. Durch ihren persönlichen Einsatz konnte Andrea viel mehr von ihrem Leben genießen.
Durch ständiges Üben hat es Andrea durch die Hilfe ihrer Betreuer geschafft, selbständig ein Glas zu halten und daraus zu trinken. Die Familie war stolz und dankbar diese Entwicklung zu sehen.

Andrea nahm auch an Reittherapien teil. Auf dem Pferd konnte sie sich allein halten und zeigte sich glücklich.

Im Oktober 2002 nahm Andrea gemeinsam mit ihrer Mutti an einer Schwimmtherapie in Bad-Wilsnack teil. Das war für sie ein neues, sehr schönes Gefühl.

Im November 2002 durfte Andrea mit ihrer ganzen Familie zum ABBA-Double-Konzert in Wittenberge – auch das war eine neue und schöne Erfahrung für sie. Denn sie liebte die Musik über alles.

Auch Annett nutze die Möglichkeit mit Andrea schwimmen zu gehen. Eddy hat dies auf Video festgehalten.

Herr Tiesler hat aus eigener Initiative Kontakt zu Andreas Eltern aufgenommen, um gemeinsam Möglichkeiten zu finden, wie die Wünsche der Eltern für Andreas Wohlbefinden in der Einrichtung, zu realisieren sind. Durch ihn fühlten sich die Eltern von Andrea verstanden.

Alle waren glücklich, wenn Andrea glücklich war.

Andrea liebte die Spaziergänge an der Elbe, wenn der Wind ihr ins Gesicht wehte und der Rollstuhl über die Pflastersteine holperte. Noch vor drei Wochen konnte sie dies mit ihrer Mutti und Vati Eddy genießen.

Ihren 30. Geburtstag verbrachte sie bei ihrer Familie in Neumünster. Es gab eine richtige Gartenparty, wo auch alle Teamkollegen von ihrer Mutti teilnahmen.

Andrea liebte besonders das Essen und ganz besonders Schokolade, nach der sie zielgerecht greifen konnte.

Im Dezember 2003 bekam Andrea endlich ihr neues Bett, indem sie sich frei bewegen konnte.

Andrea liebte die Musik und deshalb hat Robert im Januar 2004 der Wohnstätte sein Klavier geschenkt.

Das Verhältnis zu allen Mitarbeitern und den Eltern war sehr familiär. Die Familie fühlte sich in der Wohnstätte warmherzig willkommen.

Unser besonderer Dank gilt Carola. Sie betreute Andrea viele Jahre mit ganzem Herzen. Carola war für Andrea die zweite Mutti. Sie gehörte zur Familie.


Am 15. Februar 2004 wurde Andrea zum ersten Mal Tante. Ihre Schwester Annett hat einen kleinen Sohn Jack geboren. Leider hat Andrea ihn nicht mehr kennen lernen können. Aber Jack wird viel über seine Tante erfahren.



Andrea hat immer gespürt, dass sie dazugehört. Andrea war ein Mädchen, das mit den Augen spricht. Sie war in ihrem Leben ein sehr, sehr glücklicher Mensch und das macht allen den Abschied leichter. Wir werden unseren Sonnenschein Andrea nie vergessen. Sie lebt in uns weiter. Ihr Lächeln bleibt.